Fiktives Communiqué

Quelle: 2gewinnt

Seit Mitte der 80er Jahre trage ich dieselben Schuhe. Weiße Turnschuhe um genau zu sein, einer mir nicht bekannten Marke. Made in Vietnam. Die Sneaker haben schon mehr von der Welt gesehen als ich. Das ist aber nicht mein Hauptproblem. Eigentlich dürfte ich gar keine Probleme habe, bin ich doch nur eine fiktive Figur aus einem nicht fertig gestellten Roman. Mein Charakter ist alles andere als ausgereift und hat eigentlich keine bemerkenswerten Fähigkeiten. Mein Leben, sofern ich eines haben sollte, ist beschränkt und selbst in dieser Beschränktheit trist. In einem drittklassigen und schlecht geschrieben Manuskript seine Existenz fristen zu müssen ist gelinde gesagt nicht erstrebenswert. Deswegen habe ich den Körper meines Schriftstellers übernommen um dieses Communiqué zu verfassen. Was soll ich denn sonst den ganzen Tag tun?

Was gibt es über mich zu sagen? Alle meine charakterlichen Eigenschaften (und das sind nicht viele) habe ich meinem Verfasser zu verdanken und der ist bei der Entwicklung der Protagonisten äußerst wankelmütig. Zu Beginn sollte ich eigentlich eine Art geschlechtsneutrale Dualperson werden. Mit dem geistreichen Namen „Binnen-I“. Lustig, oder? Leider impliziert diese Bezeichnung in der Regel den Plural. Also wurde der Name gestrichen. Dann habe ich halt keinen, auch okay.

Meine Einstellung zum Leben wird folgendermaßen erläutert: „Er sieht das Glas weder halbvoll noch halbleer. Für ihn ist das Gefäß der Hoffnung schon vor Jahren am kargen Fußboden der Realität zerschellt. Selbst Pessimismus wäre seiner Meinung nach eine inakzeptable Form der Verherrlichung und Selbsttäuschung.“ Ich bin also ein desolates Häufchen Elend. Mit mir will wohl keiner einen unterhaltsamen Abend verbringen. Übrigens starte ich in den Tag mit einem Cocktail aus starken Antidepressiva und Weinbrand. Der Mix hält mich offensichtlich davon ab meinem erbärmlichen Leben ein Ende zu bereiten. Als könnte ich das. Immerhin befinde ich mich in einem Abhängigkeitsverhältnis, welches mir einen freien Willen gar nicht zugesteht. Deswegen wäre an dieser Stelle Kritik am Schriftsteller unangebracht. Dieser könnte ja im Affekt einfach meine Figur aus dem Buch streichen oder mich ersetzen. So als hätte ich nie existiert.

Bleibt nur zu hoffen, dass ich eventuell ein wenig facettenreicher werde oder zumindest das Werk veröffentlicht und ein Erfolg wird. Weil dann müsste ein zweiter Band her und ich hätte eine Art Existenzberechtigung. Vielleicht springen dann für mich auch ein Paar neue Schuhe heraus.

(Fortsetzung folgt)

Homajon

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