In Büchern leben

Quelle: Flickr/shutterhacks (cc-license)

Wo ich gerne wäre? Fragt mich niemand. Spielt keine Rolle, ich tue es trotzdem kund. Auf der Frankfurter Buchmesse. Umgeben von Literatur. Die herumirrenden Menschmassen schmälern aber meine Motivation dort hinzufahren.
Jedoch lieber als auf der Buchmesse würde ich gerne in einem Buch meine Zeit vertreiben. Nicht unbedingt physisch (wäre zu eng zwischen den Seiten), sondern mehr inhaltlich. Die Texte nicht nur vor dem inneren Auge rezipieren und alternative Realitäten entstehen lassen, sondern aktiv in einem (Belletristik-) Text stecken und darin interagieren.

In einer Erzählung von Kafka um das kafkaeske Gefühl erleben zu können, das schon Gregor Samsa oder Georg Bendemann durchlebten. Das wäre eine Erfahrung. Zwar zweifele ich an der selbständigen Emotionsfähigkeit von fiktiven Figuren, aber ein bestimmtes vorgegebenes Spektrum decken sie ab. Was wiederum für mich eine Bereicherung wäre, wenn ich mit ihnen Zeit verbringen könnte.

Angenehm wäre es in einer Ernst Jandl Dichtung zu stecken. Freilich schallend und kompromisslos, aber voll lautmalerischer Pracht. Ein paar Tage dort zu leben um die experimentelle Lyrik aus nächster Nähe kennen zu lernen, wäre ein reizvolles Erlebnis.

Hermann Hesse, in seinem Werk präferiere ich die frühen Entwicklungsromane. „Demian“ ist meine Wunschdestination.

Bei Charms würde ich in jedem seiner Stücke Nachhilfe im Absurden nehmen und mich an den verqueren Situationen erfreuen. Auch wenn einiges äußerst morbide und rätselhaft anmuten würde.

Wenn ich nur eine Seite zur Auswahl hätte, dann müsste ich mich für die erste Seite von „Der Fremde“ von Camus entscheiden. Die bietet den besten Einstieg, den ich seit langem gelesen habe. „Heute ist Mama gestorben. Vielleicht war es auch gestern, ich weiß es nicht.“ Der Inhalt ist tragisch und nicht von Bedeutung für meine Wahl (inhaltlich könnte da auch etwas völlig anderes stehen). Doch die Art der Formulierung beschreibt die Atmosphäre und den Charakter der gesamten Geschichte. Darum ist der Einstieg nahezu vollkommen. Er wirkt nicht gekünstelt oder als hätte sich der Autor über Wochen den Kopf zerbrochen wie er den Leser mit dem Einstiegssatz fesseln könnte. Das weiß ich als Rezipient zu schätzen und würde deswegen gerne etwas Zeit mit dieser Seite alleine verbringen, auch auf die Gefahr hin deprimiert und niedergeschlagen zurückzukehren.

In Trivialliteratur (wofür es meiner Meinung nach keine genaue Definition gibt) möchte ich keine Sekunde verbringen müssen, wiewohl ich gewisse Pop-Literatur sehr wohl lese. Krimis widern mich an, romantische Literatur ist Zeitverschwendung und Thriller werden nur für Verfilmungen geschrieben.

Apropos Verfilmung von Literatur: In der Regel geht das schief. Der Plot wird, dem Kommerz zu liebe, zu Unkenntlichkeit verwässert oder man versucht das Buch „authentisch“ umzusetzen (plus einem obligatorischen Happy End, wenn nicht vorhanden). Jedoch läuft momentan eine Buchverfilmung in den Kinos, die es geschafft hat eine eigenständige Interpretation von einem Besteller zu sein ohne die literarische Vorlage zu verraten oder unter ihrem Wert zu verkaufen.

Natürlich ist mein Wunsch in Büchern zu leben eine Form von Eskapismus. Aber ich würde ja wieder in die reale Welt zurück wollen. Irgendwer muss doch für diesen Blog schreiben.

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Homajon

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